Leseprobe: "Vincent. Stationen eines Abschieds"
...
Ich saß am Fenster unter der Lampe, die ich mir für meine Nachtwache aus
der Stube heraufgeholt hatte. Im Lichtkegel gäbe ich eine gute Zielscheibe
ab für einen nächtlichen Scharfschützen. Doch draußen lauerte nur die
Dunkelheit. Wie ein großer alter Hund lag sie auf dem Land. Drinnen, im
Dämmer, zuckte Vincent in seinem fiebrigen Schlaf. Die Lampe hatte einen
gewölbten Schirm, der ihren Schein nur in einem kleinen Rund verstreute. Im
Brackwasser des Lichts meine ausgestreckten Beine. Auf den Knien lag die
gefaltete Zeitung wie ein toter Vogel. In der Not tröstete mich auch die
Sprache nicht mehr.
Was ich damals gelesen hatte, wusste ich heute nicht mehr. Kein Mensch
konnte sich so gut erinnern. Doch als Paul mich jetzt danach fragte, lag wie
einst eine Zeitung auf meinem Schoß. Ich hatte sie mir herbeigezogen wie
eine Decke, um mich zu wärmen. Die Schrift stand auf dem Kopf: der erste
Schritt, um einen Text unbrauchbar zu machen. Im zweiten stopft man mit ihm
feucht gewordene Stiefel aus.
Ich drehte mir die Zeitung in Leserichtung, als könnte ich auf diese
Weise Pauls Neugier befriedigen. Oder ich vergewisserte mich, wozu es diese
spaßigen Papierbögen gab, die für jeden Frühstückstisch immer zu groß waren,
wenn man sie ganz auseinanderfaltete.
...
„Weiter!“ sagte Paul.
In Vincents Abgeschiedenheit tobte der Wind. Ich saß im Auge dieses
Sturms, oben in der Schlafstube. Ein Lammfell im Rücken schützte mich gegen
die ausgekühlte Wand. Vincents Atem war der Sekundentakt, der darüber
bestimmte, wie die Zeit verstrich.
Im Zeitgeschehen wurde der Drogenkonsum eines deutschen Liedermachers
verhandelt. Daneben die Steueraffäre der Tennisspielerin mit den schönen
Beinen. Ich warf die Zeitung in die Ecke; sie wärmte mich nicht.
In jener Nacht war es nicht wichtig, dass der Mensch auf den Mond flog
oder dass, wie ich dem aufgeflatterten Zeitungsvogel noch aus der Entfernung
entnehmen konnte, die Maya-Schrift zu fünfundachtzig Prozent entschlüsselt
worden war, maßgeblich von einem Deutschen.
Paul unterbrach mich schon wieder: „Lenk nicht ab!“
...
Die Nacht verging, ich war im Sessel eingeschlafen. Gegen Morgen erstarb
der Wind. Vincents Atem ging leise und ruhig, als ich wieder erwachte. Da
fühlte ich, dass ich dem ersten Ansturm des Todes getrotzt hatte, mutig, als
gelte es, etwas Unwiederbringliches zu verteidigen. Der Tod hatte seine Hand
nach diesem Haus ausgestreckt, und ich hatte ihn vertrieben.
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