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  Leseprobe: "Sommer und längere Geschichten"

REGEN

 

Die Felder sind weich wie vollgesogene Schwämme. Vom Straßenrand bis zur Hügelkuppe: ein braunes, aufgewühltes Meer. Tiefen Furchen durchziehen die umgebrochene Landschaft, geschnitzte, erstarrte Wellenkämme über eingekerbten, schmierigen Gleisen, in denen trotz fruchtbarem Grund lange nichts wachsen wird: Der Boden verdichtet sich, wenn man zur falschen Zeit ins Feld fährt.

Spuren von schwerem Gerät auch auf den unbefestigten Feldwegen. Zu Fuß kommt man sich hier wie ein Bergsteiger vor: unmöglich, blind einen Fuß vor den anderen zu setzen. Nur einen Schritt vom Weg entfernt: Fußabdrücke, Menschenspuren. Mutig führen sie ins Feld hinein, anrührend klein neben dem scharfen Profil der mächtigen Traktorenreifen. Es regnet in Strömen. Mit zusammengekniffenen Augen verfolge ich diesen gewagten Versuch eines Unbekannten, unbeschadet übers braune Meer zu gehen. Entdecke kaum fünf Meter vom Weg entfernt eine ausladende Wasserpfütze, vielleicht von seinem versunkenen Hund.

 

Mitte März kann sonst zuverlässig mit erster Wärme gerechnet werden, die höher steigende Sonne trocknet den Boden. Er krümelt beim Eggen, zerfällt in der Faust. Fühlt sich an wie Geld, mit dem man rechnen kann. Die Landwirtschaftshelfer sitzen dann auf den Fersen dahinschleichender Traktoren, eine Handspanne über dem Boden, und drücken Torfwürfel mit kleinen Schösslingen ins fein geeggte, ausgestanzte Erdreich. Auf den Feldern versinken zu dieser Zeit gewöhnlich keine Hunde mehr.

Nach getaner Arbeit wird Folie über die Pflänzchen gezogen. Die Landschaft vom Rhein bis zum Haardtrand gleicht dann einem Folienmeer, große, plane, sich im Wind wie sanfte Wellen wiegende, glitzernde Flächen. Rechteckige Seen, die die Autofahrer blenden. Der Grund ist solide, man könnte ihn betreten. Was dann wie Wasser aussieht, ist Land.

In diesem Frühjahr fällt Wasser vom Himmel, seit Wochen beinahe ununterbrochen, Tag und Nacht. Bei den Gemüsebauern stapeln sich die Salatschösslinge. Lange werden sie sich in den Kühlhäusern nicht mehr halten lassen.

 

Tempo achtzig auf der Landstraße, Scheibenwischer Stufe drei. Die Reifen pflügen durch die Gischt wie bei auflaufender Flut, keine Radfahrer am rechten Straßenrand. Ein paar verirrte Möwen am Himmel. Die Allesfresser der See. Oder der Müllberge der Kindheit. Im Freien könnte ich sie jetzt schreien hören, dem Trommeln des Regens zum Trotz.

Unerwartet, abseits im Feld: ein einziger weißer Kleintransporter mit geschlossenen Schiebetüren, bis unter die Scheiben verdreckt. In gelben Jacken und Hosen, die Kapuzen weit im Gesicht, dass der Regen wie ein Schleier vor ihren Augen heruntertropft, wagen sich ein paar Helfer hinaus in die Flut. Im Dunst sehen sie auf dem weiten Feld wie gelbe Astronauten in einer unwirtlichen Mondlandschaft aus. Farbtupfer im verwischten Braun der Landschaft. Ein kurzes, belebtes Bild. Beim nächsten Blick schiebt sich ein kahler Nussbaum vor diese ersten Boten des Frühlings. Wo habe ich so etwas schon einmal gesehen? Bei Yves Tanguy? Ausgeräumte Felder im Regen?

Das Bild zieht vorbei, das Gedächtnis hält den Schnappschuss fest: Durchtränkte Landschaft, tiefer, horizontloser Himmel, schlanke, gelbe, androgyne Gummiblüten, der kahle Baum. Nur der Duft fehlt, um das Bild im Gehirn dingfest zu machen. Es wird verblassen, wenn mir kein passender Geruch dazu einfällt.

 

Das Gebläse des Wagens zieht Wasser. Es riecht metallisch, beinahe geruchlos, nur nach Wasser: klar und kalt. Später: nach der Seifenlauge der Scheibenwaschanlage nach dem Druck auf den Schalter. Jetzt.

Warme Füße in warmen Schuhen, aufgeheizt vom Gebläse im Auto. Es könnte Sommer sein. Bis der Schirm aufgespannt ist: Dicke Tropfen auf der Wange, die wie Tränen rinnen.

In der Wohnung ist es warm. Stürmisch prasselt der Regen an die Fensterscheiben. Ein romantischer Ausblick: Schwimmende Blasen auf dem Asphalt, die wie Wasserläufer dahintreiben, zerplatzen. Der Straßenzenit teilt die Fluten, die sich in den Rinnsteinen sammeln, eilig in die Sinkkästen strömen.

Auf dem Fernsehschirm: ein Dorf im Urwald, irgendwo unter Palmen. Es regnet. Schwimmende Dächer, Bäume wie Rettungsbojen. Ertrunkenes Vieh. Vom Wasser eingeebnete, gleichgemachte, gekräuselte Landschaft. Auf einem Baum gebärt eine Frau ein Kind. Ein Hubschrauber pflückt sie mit ihren Säugling ab, wie eine reife Frucht, die sich über Nacht geteilt hat.

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